Eine schwedische Studie beobachtete fast 30.000 Frauen über zwei Jahrzehnte
Eine schwedische Langzeitstudie hat fast 30.000 Frauen über einen Zeitraum von zwanzig Jahren begleitet. Das überraschende Ergebnis: Wer die Sonne konsequent meidet, stirbt deutlich früher als jemand, der sich ihr regelmäßig und maßvoll aussetzt.
Von den frühen neunziger Jahren bis ins Jahr 2010 verfolgten Wissenschaftler eines schwedischen medizinischen Zentrums den Gesundheitszustand tausender Frauen. Die Schlussfolgerung ließ viele Experten aufhorchen: Die Sonne vollständig zu meiden kann genauso gefährlich sein wie regelmäßiges Rauchen.
Die Daten: 29.518 Frauen zwischen 25 und 64 Jahren unter Beobachtung
An der Langzeitanalyse nahmen 29.518 Frauen im Alter von 25 bis 64 Jahren teil. Sie schilderten detailliert ihre jeweiligen Gewohnheiten beim Aufenthalt in der Sonne. Anschließend wurden die Teilnehmerinnen anhand ihres UV-Expositionsgrades in drei Gruppen eingeteilt.
Nach zwanzig Jahren Datenerhebung zu Todesfällen zeichnete sich ein Bild ab, das dem vereinfachten Motto „weniger Sonne ist besser“ klar widerspricht. Das Sterberisiko aus jeglicher Ursache war bei Frauen, die die Sonne mieden, etwa doppelt so hoch wie bei jenen mit regelmäßiger Sonnenexposition.
Nichtraucherinnen, die selten ins Freie gingen, hatten eine Lebenserwartung, die derjenigen von Raucherinnen mit höherer UV-Exposition ähnelte. Die Forscherinnen und Forscher errechneten, dass die am wenigsten sonnenexponierten Teilnehmerinnen im Schnitt zwischen 0,6 und 2,1 Lebensjahre im Vergleich zu jenen verloren, die regelmäßig Zeit an der frischen Luft verbrachten.
Zwanzig Jahre Forschung enthüllten unerwartete Zusammenhänge zwischen Sonne und Langlebigkeit
Seit Beginn der neunziger Jahre sammelten die Forschenden Gesundheitsdaten von fast dreißigtausend skandinavischen Frauen. Jede Teilnehmerin beschrieb präzise, wie oft und wie lange sie sich während der Tagesstunden im Freien aufhielt.
Die Frauen wurden in folgende Kategorien eingeteilt:
- Personen, die die Sonne aktiv mieden und tagsüber selten nach draußen gingen
- Personen mit mäßiger Sonnenexposition
- Personen, die sich häufig der Sonne aussetzten
- Frauen mit minimaler UV-Exposition aufgrund von Arbeit in geschlossenen Räumen
- Teilnehmerinnen, die sich in den Sommermonaten regelmäßig sonnten
- Personen, die auch bei Aktivitäten im Freien gezielt den Schatten aufsuchten
Nach zwei Jahrzehnten werteten die Forschenden die Sterblichkeitsdaten aller Gruppen aus. Frauen, die UV-Strahlung systematisch auswichen, starben deutlich häufiger als jene mit moderater oder häufiger Sonnenexposition. Für Nichtraucherinnen, die sich selten dem Tageslicht aussetzten, war die Lebenserwartung vergleichbar mit derjenigen von Raucherinnen, die deutlich mehr Zeit in der Sonne verbrachten.
Die Forschenden der Universität Göteborg berücksichtigten zahlreiche potenziell verfälschende Faktoren, darunter Bildungsstand, Körpergewicht, körperliche Aktivität und Alkoholkonsum. Der Zusammenhang zwischen Sonnenvermeidung und erhöhter Sterblichkeit blieb auch nach diesen Korrekturen bestehen.
Warum die Sonne die Gesundheit schützen kann – und nicht nur die Haut schädigt
Die Forschenden versuchten, den ausgeprägten Zusammenhang zwischen Sonnenvermeidung und erhöhter Sterblichkeit zu erklären, und identifizierten dabei mehrere biologische Mechanismen, die gemeinsam eine schützende Wirkung entfalten können.
Am häufigsten wird dabei Vitamin D ins Feld geführt. Die Haut bildet es unter der Einwirkung von UVB-Strahlung. Dieses Hormon – denn als solches funktioniert es im Grunde – beeinflusst nicht nur die Knochendichte, sondern auch das Immun- und Herz-Kreislauf-System. Niedrigere Vitamin-D-Spiegel sind mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck verbunden und können die Neigung zu Entzündungen verstärken.
Wer die Sonne dauerhaft meidet, entwickelt leicht tiefgreifende und anhaltende Mangelzustände. Das gilt besonders in Ländern mit kurzen Tagen und langen Wintern wie Schweden. Forschende des Karolinska Institutet weisen darauf hin, dass ein Vitamin-D-Mangel häufiger bei Adipositas und Typ-2-Diabetes auftritt.
Die Sonne wirkt auf uns jedoch nicht nur über Vitamin D. Bei der Einwirkung von UV-Strahlung setzt die Haut Stickstoffmonoxid frei – eine Verbindung, die die Blutgefäße erweitert und zur Senkung des Blutdrucks beiträgt. Das könnte teilweise erklären, warum in der Gruppe der Sonnenmeidenden häufiger Todesfälle durch Herzerkrankungen und Schlaganfälle auftraten.
Tageslicht synchronisiert außerdem die innere Uhr. Ein gestörter zirkadianer Rhythmus begünstigt Übergewicht, Blutzuckerprobleme, Depressionen und Schlafstörungen. Wer seine Tage überwiegend in geschlossenen Räumen verbringt und erst nach Sonnenuntergang nach draußen geht, häuft damit gleich mehrere ungünstige Faktoren auf einmal an. Nach Ansicht der Studienautoren wirkt die Exposition gegenüber natürlichem Licht wie eine Art „Meta-Regulierung“, die zahlreiche Prozesse koordiniert – vom Blutdruck bis zum Hormonhaushalt.
Die skandinavischen Besonderheiten verdeutlichen, wie wichtig die Sonne in nördlichen Ländern ist
In Schweden sind die Winter lang und die Tage ausgesprochen kurz. Über mehrere Monate im Jahr sehen die Einwohner die Sonne kaum oder gar nicht. In diesem Umfeld führt eine vollständige Vermeidung von UV-Strahlung fast zwangsläufig zu einem schweren Vitamin-D-Mangel und einer noch stärker ausgeprägten Störung des zirkadianen Rhythmus.
Das erklärt möglicherweise, warum der beobachtete Effekt bei dieser Bevölkerungsgruppe so deutlich ausfällt. In südlicheren Ländern sind die Tage länger und die Sonnenstrahlung über weite Teile des Jahres intensiver. Dennoch ist auch in vielen dieser Regionen ein Vitamin-D-Mangel weit verbreitet.
Das schwedische Team bezog eine Reihe potenzieller Störvariablen in die Analyse ein: den Bildungsstand der Frauen, den Body-Mass-Index, das Ausmaß körperlicher Aktivität sowie den Alkoholkonsum. Der Zusammenhang zwischen Sonnenvermeidung und erhöhter Sterblichkeit bestätigte sich auch nach all diesen Korrekturen.
Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt. Das bedeutet: Sie liefert keine absolute Gewissheit, dass der Sonnenmangel die direkte Ursache aller festgestellten Unterschiede ist. Dennoch stellen die im Journal of Internal Medicine veröffentlichten Ergebnisse ein gewichtiges Argument dar, die bisherigen Empfehlungen zur Sonnenexposition zu überdenken.
Herzerkrankungen waren die häufigste Todesursache bei Frauen, die die Sonne mieden
Als die Forschenden die spezifischen Todesursachen untersuchten, standen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems an erster Stelle. Bei Frauen, die selten der Sonne ausgesetzt waren, traten Herzinfarkt, koronare Herzkrankheit und Schlaganfall deutlich häufiger auf.
Genau diese Erkrankungen waren für einen erheblichen Teil der „überschüssigen“ Todesfälle verantwortlich – was sich nahtlos in die Hypothese über die Rolle von Stickstoffmonoxid, Vitamin D und Blutdruckregulation einfügt. Für Frauen, die die Sonne mieden, war das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, etwa doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Frauen, die regelmäßig Zeit im Freien verbrachten.
Wie die Medizin seit Jahren weiß, erhöht häufige Sonnenexposition das Risiko für Hautkrebs, einschließlich Melanom. In der untersuchten Gruppe stieg die Zahl der Hauttumorerkrankungen mit zunehmendem Sonnenexpositionsgrad. Dennoch blieb die Gesamtsterblichkeit bei den sonnenreicheren Frauen niedriger.
In der Statistik dominierten Herzerkrankungen, die in weit größerem Ausmaß zum Tod führen als das Melanom – insbesondere dann, wenn eine gute onkologische Überwachung und Früherkennung von Hautveränderungen gewährleistet ist. Dermatologen des Universitätsklinikums Lund betonen, dass die regelmäßige Kontrolle von Muttermalen für alle Menschen eine Priorität sein sollte, besonders für jene mit einer großen Anzahl von Malen.
Wie man die Sonne klug und ohne unnötige Risiken nutzen kann
Die Studienautoren rufen nicht dazu auf, stundenlang in der Mittagssonne zu liegen oder auf Sonnenschutzmittel zu verzichten. Die Schlussfolgerungen zeigen in eine ganz andere Richtung: Extreme schaden, und der Schlüssel liegt offenbar in einer maßvollen, regelmäßigen Exposition ohne Sonnenbrand.
Für Menschen in deutschsprachigen Ländern könnte ein vernünftiger Kompromiss folgende Punkte umfassen:
- 15 bis 30 Minuten im Freien an einem sonnigen Tag mit unbedeckten Unterarmen und einem Teil der Beine, mehrmals pro Woche
- Direkte Mittagssonne im Sommer meiden, ungefähr zwischen elf und fünfzehn Uhr
- Sonnencreme mit LSF mindestens auf Gesicht, Hals und Händen bei längerem Aufenthalt im Freien auftragen
- Regelmäßige Kontrolle der Muttermale beim Dermatologen, besonders für Menschen mit empfindlicher Haut
- Vitamin-D-Supplementierung nach ärztlicher Rücksprache, insbesondere in den Herbst- und Wintermonaten
- Spaziergänge in der Natur an Wochenenden statt Zeit in Einkaufszentren zu verbringen
- Arbeitsplatz nach Möglichkeit in der Nähe eines Fensters mit natürlichem Licht wählen
- Kurze Pausen im Freien während des Arbeitstages einlegen, selbst wenn es nur zehn Minuten sind
Im Alltag lohnt es sich, auf kleine Gewohnheiten zu achten. Ein Spaziergang in der Mittagspause, ein paar Haltestellen zu Fuß an einem sonnigen Tag oder ein Wochenende zum Teil im Freien statt im Einkaufszentrum – solche kleinen Veränderungen summieren sich über Jahre und können sich spürbar auf die Herzgesundheit, das allgemeine Wohlbefinden und die Lebenserwartung auswirken.
Die Reaktion auf Sonne ist individuell verschieden. Menschen mit sehr heller und empfindlicher Haut benötigen mehr Schutz als Menschen mit dunklerer Haut. Dennoch gilt: Niemand profitiert davon, sich dem Tageslicht völlig zu entziehen. Eine vernünftige und kontrollierte Sonnenexposition in Verbindung mit dem Schutz vor Sonnenbrand erscheint heute als die sinnvollste Strategie – nicht nur aus dermatologischer Sicht, sondern für den gesamten Organismus.
Was diese wissenschaftliche Studie für den Alltag bedeutet
Jahrelang konzentrierten sich Kampagnen zur öffentlichen Gesundheit in vielen Ländern fast ausschließlich auf das Risiko von Hautkrebs. In der Praxis interpretierten viele Menschen diese Botschaft als Aufruf, die Sonne vollständig zu meiden. Verdunkelte Fenster, Arbeit unter Kunstlicht, schnelle Wege vom Auto ins Büro und zurück – das ist für viele Berufstätige zur alltäglichen Realität geworden.
Die schwedische Analyse legt nahe, dass ein derart einseitiger Ansatz unerwünschte Nebenwirkungen haben und zur wachsenden Belastung durch Herzerkrankungen beitragen kann. Für Menschen aus Risikogruppen – etwa Patienten mit Bluthochdruck, Übergewicht oder Prädiabetes – kann ein bewusster Umgang mit natürlichem Licht ein Element der Prävention darstellen, ergänzend zu körperlicher Aktivität, Ernährung und medikamentöser Therapie.
Ärzte der Präventivmedizin weisen darauf hin, dass Vitamin D nicht nur die Knochengesundheit stützt, sondern auch die Funktion von Herz und Blutgefäßen. Ein Mangel an diesem Hormon ist mit einer höheren Häufigkeit kardiovaskulärer Ereignisse verbunden. Maßvolle Sonnenexposition kann eine einfache Möglichkeit sein, den Vitamin-D-Spiegel auf natürlichem Weg aufrechtzuerhalten.
Es lohnt sich, daran zu erinnern, dass sich die Folgen eines vollständigen Lichtentzugs schleichend zeigen. Nach einigen Jahren kann es zu einer deutlichen Verschlechterung des Gesundheitszustands kommen, ohne dass der Betroffene diesen Verfall mit dem Sonnenmangel in Verbindung bringt. Die schwedischen Forschenden plädieren daher für einen ausgewogenen Ansatz, der sowohl die Risiken als auch den Nutzen der Sonnenexposition berücksichtigt. Wäre es nicht an der Zeit, die eigenen Gewohnheiten zu überdenken und sich täglich zumindest einige Minuten im natürlichen Licht zu gönnen?









