Forscher entdecken 24 neue Krebstiere in dem Gebiet, das Bergbaukonzerne ausbeuten wollen

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Ein unerwarteter Fund in den Tiefen des Pazifiks

Auf dem Boden des Pazifischen Ozeans, in einer Region, die Bergbauriesen und Politiker aus aller Welt magisch anzieht, hat eine Forschergruppe eine ganze Reihe bislang völlig unbekannter Kleinkrebse beschrieben. Ihr Befund kommt genau zu dem Zeitpunkt, da das Schicksal dieses Gebiets in hitzigen internationalen Debatten verhandelt wird.

Was als routinemäßige Untersuchung von Tiefsee-Sedimenten begann, hat sich zu einem Warnsignal für die gesamte Bergbauindustrie entwickelt. In der Clarion-Clipperton-Zone zwischen Mexiko und Hawaii identifizierte ein Team aus sechzehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern 24 für die Wissenschaft völlig neue Arten von Tiefsee-Krebstieren. Dieses Gebiet weckt seit Jahren das Interesse von Unternehmen, die Tiefseebergbau planen, sowie politischer Akteure wie Donald Trump, der es als künftige Quelle strategischer Rohstoffe betrachtet.

Winzige Krebstiere als Reinigungskräfte des Ozeans

Die neu entdeckten Arten gehören zur Gruppe der Isopoden (Asseln): winzige, oft halbtransparente Krebstiere, die in der Tiefsee die Rolle von Aasfressern und Aufräumern übernehmen. Manche ernähren sich vom Bodensediment, andere jagen kleine wirbellose Tiere. Während viele Exemplare kaum einige Millimeter messen, können die größten Vertreter die Ausmaße eines Kastenbrotes erreichen.

Für die Studie entnahmen die Forschenden riesige Blöcke aus Tiefsee-Schlamm von mehr als viertausend Metern Tiefe. Oberflächlich betrachtet handelt es sich dabei schlicht um eine formlose braune Masse. Erst im Labor zeigte sich, dass diese Proben eine artenreiche Gemeinschaft mikroskopischer Lebewesen verbargen, von denen ein Großteil zuvor noch nie klassifiziert worden war.

Jeder Kubikzentimeter Tiefsee-Schlamm entpuppte sich als Überraschungspaket: vollgepackt mit Organismen, deren Existenz niemand ahnte. Die Analysen wurden von einem internationalen Team durchgeführt, das unter anderem von Anna Jażdżewska von der Universität Łódź und Tammy Horton vom britischen National Oceanography Centre geleitet wurde. Erst im Rahmen eines taxonomischen Workshops im Jahr 2024 gelang es den Forschenden, die neuen Arten zu ordnen und formal zu beschreiben.

Das Krebstier mit dem Videospiel-Namen

Eine der neu beschriebenen Arten trägt den Namen Lepidepecreum myla. Das Artepitheton myla ist eine Anspielung auf eine Figur aus dem berühmten Videospiel Hollow Knight. Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erinnerte das Tier an ein kleines, verletzliches Wesen, das in einer feindseligen und vollkommen lichtlosen Umgebung ums Überleben kämpft.

Es ist ein seltenes Beispiel dafür, wie Videospielkultur mit einem hochspezialisierten Zweig der Biologie verflochten wird. Artnamen verweisen üblicherweise auf Latein, Griechisch, Forschernamen oder Fundorte. In diesem Fall zielte die Wahl bewusst darauf ab, jüngere Leserinnen und Leser für das Thema Tiefsee zu begeistern, das oft als weit entfernt und unzugänglich wahrgenommen wird.

Die Entscheidung wurde getroffen, um zu zeigen, dass hinter der nüchternsten Wissenschaft Menschen stehen, die persönliche Interessen und eine emotionale Bindung an ihre Forschungsobjekte haben. Der Wert dieser Wahl liegt darin, ein völlig neues Publikum zu erreichen, das sonst nie von Tiefsee-Krebstieren gehört hätte.

Ein neuer Ast im Stammbaum des Lebens: eine Überfamilie aus der Tiefsee

Das bedeutendste Ergebnis dieser Arbeit ist nicht schlicht die Zahl der neuen Arten, sondern die Einführung einer neuen Klassifikationseinheit: der Überfamilie Mirabestioidea. Innerhalb dieser haben die Forschenden zudem eine neue Familie abgegrenzt: Mirabestiidae. Eine neue Überfamilie in das biologische System einzufügen ist ein Ereignis, das in einer bestimmten Organismengruppe vielleicht einmal pro mehreren Forschergenerationen vorkommt.

In der Klassifikation der Natur steht die Überfamilie eine Ebene über der Familie. Zum Vergleich: Menschen, Schimpansen und Gorillas gehören allesamt zur selben Überfamilie der Hominoiden. Taucht bei den Isopoden eine neue Überfamilie auf, bedeutet das einen eigenständigen Evolutionszweig, der sich über Millionen von Jahren auf seine eigene Weise entwickelt hat — ohne dass die Wissenschaft davon je Notiz genommen hätte.

Die Forschenden erstellten darüber hinaus sogenannte DNA-Barcodes für einige der neuen Arten. Dabei handelt es sich um kurze genetische Sequenzen, mit denen sich Organismen in künftigen Proben rasch identifizieren lassen. Dank dieses Werkzeugs können kommende Forschungsexpeditionen per einfachem Gentest überprüfen, ob in einem bestimmten Gebiet dieselben Tiefsee-Krebstiere leben — oder vielleicht etwas noch Ungewöhnlicheres.

Warum molekulare Barcodes unverzichtbar sind

  • Sie ermöglichen die Artbestimmung selbst dann, wenn eine Probe nur Gewebefragmente enthält
  • Sie erleichtern den Vergleich von Ergebnissen zwischen verschiedenen Expeditionen und Forschungszentren
  • Sie helfen dabei, schnell einzuschätzen, wie viel der lokalen Fauna bereits bekannt ist und wie viele Arten noch zu beschreiben bleiben
  • Sie bilden die Grundlage für die Überwachung der Auswirkungen des Bergbaus auf die Artenvielfalt
  • Sie verkürzen die Identifikationszeit von Wochen auf wenige Tage
  • Sie dienen als Referenzdatenbank für ökologische Studien in anderen Teilen des Pazifischen Ozeans

Dieses System genetischer Erkennungsmarker entwickelt sich zu einem unverzichtbaren Instrument des Naturschutzes. Sollten Bergbauunternehmen ihre Operationen aufnehmen, wäre es möglich, kontinuierlich zu testen, welche Arten aus dem Gebiet verschwinden und welche überleben. Das könnte zu gezielteren Schutzmaßnahmen führen — oder zumindest zu einer lückenlosen Dokumentation des biologischen Verlustes.

Clarion-Clipperton: Metallspeicher oder Lebensreservoir?

Die Clarion-Clipperton-Zone im zentralen Pazifik taucht seit Jahren in den Planungen von Bergbaukonzernen als künftiges Metall-Eldorado auf. Auf dem Meeresboden lagern gewaltige Mengen sogenannter polymetallischer Knollen — kartoffelähnliche dunkle Gesteinsbrocken, reich an Mangan, Kobalt und Nickel. Diese Elemente sind entscheidend für die Herstellung von Solarmodulen, Windturbinen und Batterien für Elektrofahrzeuge.

Die Idee des Tiefseebergbaus hat daher Befürworter, die argumentieren, ohne die Nutzung von Meeresbodenressourcen lasse sich die Energiewende kaum beschleunigen. Auf der anderen Seite werden die Stimmen von Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern und Umweltorganisationen immer lauter, die vor enormen Naturverlusten warnen.

Schätzungen zufolge beherbergt die Clarion-Clipperton-Zone rund 5.600 Arten, von denen bis zu 90 Prozent noch keine formale wissenschaftliche Beschreibung erhalten haben. Das bedeutet: Ein Großteil der lokalen Tierwelt könnte vernichtet werden, bevor irgendjemand die Zeit hatte, sie zu erforschen. Diese Lage erzeugt Spannungen nicht nur zwischen Unternehmen und Wissenschaft, sondern auch zwischen Staaten, die Einfluss auf die Verteilung künftiger Gewinne nehmen wollen. Auch Donald Trump hat sich aktiv in die Debatte eingeschaltet und massiv für die Erschließung dieser Ressourcen geworben.

Um das Ausmaß des Problems zu erfassen, genügt ein Gedanke: Allein das Überfahren des Meeresbodens durch eine Abbaumaschine kann ein Ökosystem zerstören, das Hunderte oder sogar Tausende von Jahren braucht, um sich zu erholen. Tiefseeorganismen leben langsam, wachsen über lange Zeiträume und haben oft ein extrem begrenztes Verbreitungsgebiet.

Das Programm „One Thousand Reasons“: ein Wettlauf gegen die Zeit

Die Beschreibung der neuen Isopoden ist Teil einer größeren Initiative namens One Thousand Reasons. Das Ziel: tausend Tiefseearten aus diesem Teil des Pazifiks bis zum Jahr 2030 zu beschreiben. Im Tempo von rund zwanzig Arten pro Jahr hoffen die Forschenden, innerhalb eines Jahrzehnts ein hinreichend vollständiges Bild der Isopoden-Vielfalt in diesem Gebiet zu zeichnen.

Dahinter steckt mehr als wissenschaftlicher Ehrgeiz. Es geht darum, handfeste Argumente in der realen politischen und wirtschaftlichen Debatte zu liefern. Artnamen, Fotografien und genetische Daten regen die Vorstellungskraft weit wirksamer an als ein unspezifischer Hinweis auf „Tiefsee-Schlamm“. Für eine einzigartige Fauna lässt sich deutlich leichter Schutz einfordern als für eine abstrakte „Abbauzone“.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hoffen, dass jede neu beschriebene Art das Gewicht der Schutzargumente stärkt. Lässt sich nachweisen, dass in dem Gebiet Hunderte oder Tausende von Endemiten leben — also Arten, die nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen — wird es schwerer, einen großflächigen Abbau zu rechtfertigen. Internationale Übereinkommen zum Schutz der Artenvielfalt verlangen bereits heute Umweltverträglichkeitsprüfungen, und je besser die verfügbaren Daten sind, desto schwieriger lässt sich darüber hinwegsehen.

Wie der Tiefseebergbau funktioniert — und was jeder Einzelne tun kann

Unternehmen, die an der Erschließung der Clarion-Clipperton-Zone interessiert sind, testen bereits Prototypen von Maschinen, die riesigen Mähdreschern ähneln. Ihre Aufgabe ist es, die Knollen vom Meeresboden aufzusammeln, zu zerkleinern und über Rohrleitungen bis zu den Schiffen an der Oberfläche zu transportieren. Dieser Prozess erzeugt Sedimentwolken, die kilometerweit treiben, die Kiemenfilter von Organismen verstopfen und deren Lebensräume verwüsten können.

Hinzu kommen Lärm, Vibrationen und die dauerhafte Anwesenheit von Maschinen in einer Umgebung, die seit Millionen von Jahren relativ stabil geblieben ist. Sollten Tiersbestände durch menschliche Eingriffe zurückgehen, wäre eine Rückkehr zum ursprünglichen Zustand innerhalb einer menschlichen Lebensspanne praktisch ausgeschlossen.

Für viele klingt das Thema Pazifik-Tiefsee abstrakt und weit entfernt. Doch alltägliche Kaufentscheidungen — das Smartphone, das man wählt, das Auto, das man fährt, die Energiequelle, die man nutzt — beeinflussen indirekt die Nachfrage nach Metallen aus dem Meeresboden. Mehr Recycling betreiben, Elektronikgeräte länger nutzen, Hersteller drängen, auf Sekundärrohstoffe umzusteigen: All das kann den Druck zur Erschließung neuer Abbaugebiete verringern. Es lohnt sich, genau zu verfolgen, wie Unternehmen und Regierungen ihre Pläne zum Tiefseebergbau kommunizieren — und sich zu fragen, was verschwinden könnte, bevor die Wissenschaft überhaupt die Chance hatte, es wirklich kennenzulernen.

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